Neue Ideen für die Industrialisierung Berlins und die Schaffung neuer Arbeitsplätze standen im Mittelpunkt der 2. Berliner Ideenkonferenz der SPD. In der Diskussion mit den Berlinerinnen und Berlinern, mit Gewerkschaftern und Wirtschaftsfachleuten wurden neue Wege zur Entwicklung der Wirtschaftskraft Berlins diskutiert. “Neue Industrialisierung – Nachhaltiges Arbeiten und Wirtschaften” – dabei geht es nicht mehr um rauchende Schornsteine. Vielmehr diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Praktiker aus den Betrieben und Konferenzteilnehmer die Frage, wie aus dem Zusammenspiel von Denkfabriken, mittelständischen Unternehmen und Großbetrieben zukunftsträchtige und an Nachhaltigkeit orientierte Arbeitsplätze entstehen können.
In ihrer Begrüßung wies die stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Barbara Loth auf die historischen Veränderungen in der Berliner Industrie hin. Nach der großen Zeit der Industriestadt Berlin habe es einen Niedergang und den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze gegeben. Inzwischen habe sich eine neue innovative Industrie entwickelt.
Unumstritten war auf der Konferenz die Einsicht, dass die Stadt nicht allein auf Dienstleistungen setzen kann, sondern Industriearbeitsplätze benötigt. Wichtigste Ressource dabei: das Wissen der Menschen. Noch liegt die Wirtschaftsleistung in Berlin, die aus der Industrie entsteht, nur bei 13 Prozent – im Bundesdurchschnitt beträgt sie 23 Prozent. Berlin hat aber gute Grundlagen: mit einer Reihe von entwicklungsfähigen Zukunftsbranchen, mit hervorragenden Wissenschaftseinrichtungen und einem innerstädtischen Flächenangebot, das in anderen Metropolen kaum denkbar ist.
Auf der Konferenz lag ein Positionspapier der Berliner SPD vor, das auf Basis der Beratungen im Fachausschuss Wirtschaft entwickelt wurde.
Positionspapier der Berliner SPD (PDF)
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Die SPD sucht das Gespräch in und mit der Stadt. Im vorwärts-Interview erläutert der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Michael Müller die Ziele der geplanten Dialogveranstaltungen und Konferenzen.
vorwärts: An diesem Wochenende findet die erste von vier Ideenkonferenzen der Berliner SPD statt. Wer kann und soll da seine Ideen einbringen?
Müller: Berlin ist eine Stadt mit einem großen kreativen Potential – und zwar in allen Bereichen. Hier treffen Menschen aufeinander, die sich sozial oder kulturell engagieren, für die Berlin Heimat und Arbeitsplatz ist, die ihre Stadt mit neuen Ideen weiterentwickeln wollen. Mit unseren Berliner Ideenkonferenzen geben wir ihnen und uns den Raum zum Gedankenaustausch. Wir wollen ihnen zuhören, offen für ihre Anregungen sein, wie wir Berlin gemeinsam weiterentwickeln zu einer Stadt mit großer Zukunft und gelebter Solidarität.
vorwärts: Berlins Haushaltssituation wird wieder schwieriger. Dürfen Ideen denn überhaupt Geld kosten?
Wirtschaftspolitik ist in der SPD kein Randthema mehr, stellte der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Michael Müller in einer Talkrunde mit dem Moderator Christian Stahl fest. Es gehe darum, die ökonomische Basis für die Stadt zu schaffen. Deshalb sei auch der Anspruch richtig, eine große Zahl industrieller Arbeitsplätze neu zu schaffen. Mit einer in Berlin breit getragenen Bildungsreform habe die SPD wichtige Voraussetzungen geschaffen. Die Stadt brauche gut ausgebildete junge Menschen.
Mit den drei großen Entwicklungsflächen in Tempelhof, Tegel und am Humboldthafen habe Berlin eine einmalige Chance als große Metropole, neue Industrien anzusiedeln, sagte der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Michael Müller. Adlershof sei ein gutes Beispiel, wie aus der räumlichen Nähe von Unternehmen und Wissenschaft neue Prozesse in Gang gesetzt werden können.
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Frank Jahnke, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses von Berlin, brachte es in seiner Einleitung des Panels auf den Punkt: „Wir haben hier in Berlin zwar viel Fläche, aber Flächen sind noch keine Standorte.“ Im Folgenden ging es also um die Frage, wie solche Flächen zu Standorten für Unternehemen werden können.
Referent Hardy Schmidt (WISTA Management Adlershof) stellte hierzu das Projekt Adlershof als positives Beispiel voran. Uwe Luipold (regioconsult) schilderte, wie das Projekt „Greentec“ realisiert wurde.
In der Diskussion mit den Teilnehmenden wurde schnell deutlich, worauf es als Standortvorteil einer Stadt nicht ankommt: Finanzielle Vergünstigungen. Die beiden Referenten waren sich einig, dass andere Faktoren wesentlich wichtiger sind, wenn es um die Frage geht, in welcher Stadt sich eine Firma niederlässt. Als einige dieser Faktoren wurden unter anderem die Geschwindigkeit der Bearbeitung von Bauvorhaben genannt oder die Vernetzung zur Forschung vor Ort.
Außerdem wurde betont, wie wichtig die von der Politik geschaffenen infrastrukturellen Voraussetzungen sind.
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Im Blickfeld des zweiten Panels stand, dass die Förderung und die Ausbildung von neuen Fachkräften und neuen Potenzialen eine gesellschaftspolitische Aufgabe darstelle. Um den Fachkräftemangel zu beseitigen, müssen alle mitmachen – nicht nur die derzeitig Beschäftigten.
Die Entwicklung beginnt mit der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Hochschulen auf der einen Seite und zwischen Hochschulen und Unternehmen auf der anderen. Die präventive Arbeitsmarktpolitik muss preiswerter werden und fachlich äquivalente Fachkräfte ausbilden, wie bei teureren Individualbetreuungen. Sowohl der Zeit- als auch der Geldmangel sind nur zwei Gründe für Betriebe, nicht in die Personalentwicklung und in die Weiterbildung ihrer MitarbeiterInnen zu investieren. Investition beginnt nicht damit, sich mit Fachkräften aus dem Ausland einzudecken, sondern damit, unseren eigenen Absolventen Vertrauen entgegen zu bringen.
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Vernetzung war das Stichwort des 3. Panels: Tourismus, Technologie, Wirtschaft und Wissenschaft sollten zusammenarbeiten. Großkonzerne müssten sich mit innovativen kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs) vernetzen. Traditionelle Unternehmen müssten müssten mit grüner Technologie arbeiten. Wie schaffen wir die Brücke dazu? Ein Beispiel kam aus dem Publikum: So könnte Deutsche Museum den Touristen eine wissenschaftliche Ausstellung mit kulturgeschichtlichen Hintergrund anbieten.
Um neue Arbeitsplätze in Berlin zu schaffen sollten keine Großkonzerne „re-angesiedelt“ werden. Anreize für TU-Absolventen müssten geschaffen werden, damit sie nicht zu Siemens nach Erlangen oder München gehen, sondern in Berlin bleiben. Die Stadt Berlin gelte besonders bei jungen Leuten heutzutage als hip wegen ihrer kreativen Szene. Hier werden Fragen und Visionen gestellt, die anderen Ballungsräumen keine Rolle spielen. Daraus bildeten sich neue Unternehmen. Berlin sei Gründungsweltmeister. Doch es müssten neue Wachstumsstrategien entwickelt werden, um neue gegründete Unternehmen in der zweiten Phase (nach der Startphase) zu unterstützen.
Für die Entstehung von Netzwerken sollten vor allem die Informations- und Kommunikationstechnologien genutzt werden. Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssten daher in diesem Bereich gleichermaßen geschult werden. Ebenso sei die Weiterbildung in interkultureller und unternehmerischer Kompetenz wichtig. Was nütze eine Idee, wenn man nicht weiß, wie sie vermarktet und verkauft werden muss?
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St
udium der Politologe in Berlin und Tübingen, Abschluss Diplom an der FU Berlin. 1992 – 2003 Partner im Beratungsunternehmen „Luipold & Mildenberger“ sowie Mitglied des regioconcept-Verbundes. Seit 2004 Inhaber und Geschäftsführer von regioconsult Konzepte für Politik und Wirtschaft.
Zu den Tätigkeitsschwerpunkten gehören Forschung und Beratung im Auftrag von Unternehmen, Verbänden sowie der öffentlichen Hand zu den Themen Regionalwirtschaft und Regionalentwicklung, Standortentwicklung und Adressbildung, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse in Metropolregionen, unternehmerische Netzwerke. Weitere Tätigkeitschwerpunkte sind Organisationsberatung, Prozessbegleitendes Consulting, Netzwerkentwicklung und Netzwerkmanagement. Räumlicher Schwerpunkt: Berlin-Brandenburg, deutsche Großstädte.
Aktuelle Projekte: Nachnutzung des Standorts Flughafen Tegel (2010), Stadtentwicklungskonzept Industrie und Gewerbe Berlin (seit 2009), · Öffentlichkeitsarbeit für ein mittelständisches Unternehmen in Berlin (seit
2009), Netzwerkentwicklungen in Steglitz-Zehlendorf, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg (seit 2005), Machbarkeitsstudie Standort Gradestraße (2005).
Jahrgang 1953, Dr. rer. oec., Studium an der Technischen Universität Berlin, seit 1993 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin. Zuvor tätig am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) im Bereich Arbeitsmarktforschung und am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München im Bereich Kleinbetriebsforschung und Zuliefernetzwerke.
Seit 2002 Vizepräsident der HTW Berlin, zuständig für den Bereich Studium und Lehre.
Seine Forschungs- und Veröffentlichungsschwerpunkte sind: Organisationstheorie (insb. Kooperationsforschung), regionale Entwicklung, Entrepreneurship und Mittelstandsökonomie.
Ausgewählte Veröffentlichungen zu Berlin: Fischer/Pohl/Semlinger, Berlins Industrie nach der Wiedervereinigung. Was bringt die neue Gründerzeit, REGIOVERLAG BERLIN, 2004 und Boehme-Neßler/Hildebrandt/Semlinger, Von der innovativen Wertschöpfungskette zum Lead Market. Weiterführende Ansätze für die Berliner Innovationsstrategie, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2006.
Materialien zur Debatte:
Arbeitskraft, Arbeitsmarkt und Arbeitsmangel (Vortrag anlässlich der Sommeruniversität 2008 an der TU Berlin, PDF)
Foliensatz zum Vortrag Arbeitskraft, Arbeitsmarkt und Arbeitsmangel (PDF)
“Die Industrie ist tot – es lebe die Industrie” (Kurzbeitrag für die Berliner Wirtschaftsgespräche 2009, PDF)
Studie “Lead Market” (Link zum Angebot der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Dr. Katrin Suder
Dr. Katrin Suder ist Partnerin und Leiterin des Berliner Standorts von McKinsey. Seit dem 1.1.2010 hat sie zudem die Verantwortung für die Aktivitäten des deutschen Büros von McKinsey im öffentlichen Sektor übernommen.
Seit 10 Jahren berät sie führende Klienten im öffentlichen Sektor, im Bereich Software und IT Services sowie in der Telekommunikationsbranche. Dabei liegen die funktionalen Schwerpunkte ihrer Expertise vor allem in den Bereichen Strategie, Operations/ Transformationsprogramme und Technologie/IT.
Darüber hinaus verantwortet Dr. Suder zahlreiche Initiativen zum Aufbau neuer Kompetenzfelder sowie in der internen Personalentwicklung.
Dr. Suder ist Diplom-Physikerin der RWTH Aachen und wurde an der Universität Bochum in Physik promoviert (parallel erlangte sie einen BA in deutscher Literatur und Theaterwissenschaften).
In ihrer Freizeit steht Dr. Suder selbst auf der Bühne und leitet seit bald 20 Jahren eine Off-Theatergruppe.
Interview mit Dr. Katrin Suder bei www.e-fellows.net