„Solidarische Stadtgesellschaft: Integration und Teilhabe“ – das Thema der ersten Ideenkonferenz

Berlin ist eine Einwanderungsstadt. Berlin schöpft Kraft aus Zuwanderung und Vielfalt. Berlin will und kann auf die Kompetenzen von Migrantinnen und Migranten nicht verzichten. Migration ist eine wichtige Ressource für Berlin. Sie macht Berlin bunt und anziehend.

Vielfalt ist eine Chance. Das ist die Voraussetzung für moderne Integrationspolitik. Ob Berlin zukunftsfähig bleibt, hängt am Gelingen von Integration und am Aufbau einer solidarischen Stadtgesellschaft. Die solidarische Stadt braucht die Solidarität Vieler. Es geht dabei nicht allein um ethnische Fragen, Minderheitenschutz oder Apelle für Toleranz. Das ist wichtig, es braucht aber noch mehr. Die SPD versteht Integration als umfassende soziale, politische und wirtschaftliche Teilhabe. Sie gilt für alle Menschen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Integration ist immer auch ein Aufstiegsprogramm. Das setzt die Anerkennung von allen Menschen und ihrer Fähigkeiten voraus. Heute und künftig geht es um soziale Integration und sozialen Aufstieg von allen in einer Einwanderungsstadt. Die SPD wird in dem beginnenden Jahrzehnt die Integration in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen.

Wowereit: “Wir wollen die Bürger einbeziehen in den Dialog über Zukunftskonzepte”

Dokumentation Panel#3 – Integrationspolitik vor Ort

Moderiert wurde das Panel von Ingo Siebert, Geschäftsführer des August-Bebel-Instituts Berlin. Seine Gesprächspartner waren Muna Naddaf, eine der Koordinatorinnen des Projekts Stadtteilmütter Neukölln und Kazim Erdogan, Gründungsstifter der Bürgerstiftung Neukölln

Könnte man die Idee der Stadtteilmütter ausweiten bzw. den Übergang in sozialen Berufen ermöglichen?

Rege wurde die Frage diskutiert, ob das Zertifikat als „Stadtteilmutter“ anerkannt sei und auf diesem Weg eine Zusammenarbeit im Rahmen eines Studiengangs möglich sei. Diese Zertifikate erhalten die Stadtteilmütter nach den drei Jahren aktiver Arbeit vor Ort. An dieser Stelle ist eher problematisch, dass die meisten Stadtteilmütter überhaupt keinen Abschluss haben. Frauen mit Abschluss werden ermutigt, sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Außerdem werden Stadtteilmütter gefördert durch Coaching oder zu Weiterbildungsseminaren vermittelt. Die „Stadtteilmutter“ könnte durch aus als Beruf begriffen werden, nicht jedoch als Erzieherinnen betrachtet werden.

Warum gibt es keine deutschen Stadtteilmütter für deutsche Mütter mit sozialen Problemen?
Für die Stadtteilmütter, wie sei momentan als Projekt existieren – so Muna Naddaf – ist der Zugang zu deutschen Familien schwierig und aufgrund der starken Arbeitsbelastung schon jetzt eine Ausweitung nicht realisierbar sei. Stadtteilmutter sein ist ein Knochenjob und wir bewusst entlohnt (30 Std/Woche), es ist kein Ehrenamt. Stadtteilmütter deutscher Herkunft wären sinnvoll.

Dokumentation Panel#2 – Engagement und Teilhabe

Die Moderation hat Christan Hanke, Bezirksbürgermeister von Berlin Mitte übernommen. Seine Gesprächspartnerin war Brigitta Wortmann, Mitglied im Sprecherrat des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement und Political Advisor der Deutschen BP AG.

Wer macht Integration – Bürger oder Staat?

Das zweite Panel stand ganz im Zeichen des bürgerschaftlichen Engagements und wurde geprägt von den Fragen zu dessen technischer Umsetzung. Wie können Solidarität und Gerechtigkeit umgesetzt werden und wie wird die Idee von Berlin als Stadt, in der wir leben wollen lebendig? „Die Angst vor dem Fremden ist immer noch da“, sagte eine Genossin. Aber Vielfalt dürfe nicht als Defizit, sondern müsse endlich als Ptenzial begriffen werden.

Dokumentation Panel#1 – Integration und Kultur

Das Panel „Integration und Kultur“ leitete Ülker Radziwill, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und Vorsitzende des Arbeitskreises Integration. Ihr Gesprächspartner war Dr. Mark Terkessidis, Psychologe, Journalist und Migrationsforscher.
Die wichtigste Erkenntnis der Diskussion in diesem Panel war, dass die Begriffe „Integration“ und „Kultur“ neu überdacht werden müssen. Es reicht nicht mehr aus, Integration auf dem Feld der Migration zu denken. Die Integrationsproblematik fasst nicht nur Bürger mit Migrationshintergrund, sondern ebenso die sozial Schwachen am Rande unserer Gesellschaft, die aufgrund ihrer Benachteiligung von der Teilhabe ausgeschlossen sind.
Politik und Bürger sind dazu aufgerufen, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich möglichst große Teile der Gesellschaft wiederfinden und somit ein „Wir“ in der Bevölkerung etabliert werden kann. Eine gemeinsame Identität kann nur geschaffen werden, wenn ein Großteil der Menschen an der Gesellschaft teilhat und sich unter dem Begriff „Deutschsein“ wiederfindet.

Michael Müller zur ersten Berliner Ideenkonferenz “Integration und Teilhabe”

Wowereit: “Keine Ausländerthematik, sondern eine soziale Frage”

Mit einem Dank an all jene, die tagtäglich praktische Integrationsarbeit leisten, begann Klaus Wowereit seinen Ausblick. Der stellvertretende Parteivorsitzende der SPD und Leiter der Zukunftswerkstatt Integration der Sozialdemokratie rückte zu Beginn die Maßstäbe zurecht: Es gebe Probleme in der Integration, aber sie sei auch millionenfach gelungen.

Es sei unverständlich, wie man auf die Idee kommen könnte, Menschen wollten absichtlich keine Zukunftschancen und nicht das Beste für ihre Kinder, griff Klaus Wowereit einen Gedanken auf, der in der Konferenz geäußert wurde. Menschen seien nicht hergekommen, um sich abzukapseln, sondern  weil sie in ihren Ländern keine Perspektive für sich oder ihre Kinder gesehen haben.

Wowereit empfahl, die Integrationsdebatte weiter zu fassen: “Es ist keine Ausländerthematik, sondern immer eine Frage von Teilhabe.” Für alle müsse es Möglichkeiten zur Teilhabe geben.  Berlin habe als Stadt nur eine Chance, wenn sie sich international aufstellt und Menschen aus unterschiedlichen Minderheiten integriert, so Klaus Wowereit.

Hören Sie die ganze Rede:

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Kazım Erdoğan

Gründungsstifter der Bürgerstiftung Neukölln. Die Bürgerstiftung Neukölln wurde im November 2005 von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur, Kirche und Politik in Neukölln ins Leben gerufen. Die Stiftung soll sich als Ideenpool für alle Engagierten in dem Bezirk etablieren und dazu beitragen, ein respektvolles Miteinander aller Neuköllner Bürger schaffen. MigrantInnen sind ausdrücklich zur Mitarbeit eingeladen.

Homepage der Bürgerstiftung Neukölln

Dr. Frank Gesemann

Foto: privat

ist Dr. phil., Diplom-Politologe, ist seit Mai 2005 Leiter des Büros M & S – Migration und Stadtentwicklung und seit September 2008 Geschäftsführer des Instituts für demokratische Entwicklung und soziale Integration (Desi). Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind sozialwissenschaftliche Forschung und Lehre, Evaluation und Praxisberatung. Themen sind unter anderem: Konzepte und Handlungsstrategien zur Förderung von Demokratie, Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement; Integrationspolitik von Bund, Ländern und Kommunen, soziale und interkulturelle Stadt(teil)entwicklung.

Neueste Veröffentlichung: „Lokale Integrationspolitik in der Einwanderungsgesellschaft – Migration und Integration als Herausforderung von Kommunen“ (VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, 719 Seiten).

Dr. Mark Terkessidis

Foto: privat

Journalist, Autor, Migrationsforscher. Seine Themenschwerpunkte sind Jugend- und Popkultur, Migration und Rassismus. Er ist Mitherausgeber des Buchs „Mainstream der Minderheiten“ von 1996. 2000 gründete er zusammen mit Tom Holert das „Institute for Studies in Visual Culture“ (ISVC) in Köln gegründet. Terkessidis wurde im Jahr 2006 einer größeren Öffentlichkeit durch einen Offenen Brief bekannt, den er gegen die These Necla Keleks vom Scheitern der Integration gerichtet hatte. Er lebt in Berlin und Köln.

Homepage des Institute for Studies in Visual Culture

Seine Positionen auf der Konferenz