Die SPD sucht das Gespräch in und mit der Stadt. Im vorwärts-Interview erläutert der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Michael Müller die Ziele der geplanten Dialogveranstaltungen und Konferenzen.
vorwärts: An diesem Wochenende findet die erste von vier Ideenkonferenzen der Berliner SPD statt. Wer kann und soll da seine Ideen einbringen?
Müller: Berlin ist eine Stadt mit einem großen kreativen Potential – und zwar in allen Bereichen. Hier treffen Menschen aufeinander, die sich sozial oder kulturell engagieren, für die Berlin Heimat und Arbeitsplatz ist, die ihre Stadt mit neuen Ideen weiterentwickeln wollen. Mit unseren Berliner Ideenkonferenzen geben wir ihnen und uns den Raum zum Gedankenaustausch. Wir wollen ihnen zuhören, offen für ihre Anregungen sein, wie wir Berlin gemeinsam weiterentwickeln zu einer Stadt mit großer Zukunft und gelebter Solidarität.
vorwärts: Berlins Haushaltssituation wird wieder schwieriger. Dürfen Ideen denn überhaupt Geld kosten?
Dr. Mark Terkessides hat es in der Debatte im Plenum auf den Punkt gebracht: “Wir brauchen ein neues Wir-Gefühl”. Er wies darauf hin, dass sich die Gesellschaft in Deutschland noch viel zu sehr durch den Blick in die Vergangenheit, auf Geschichte und Kultur, definiere. Jetzt gelte es, den Blick stärker in die gemeinsame Zukunft zu richten. Er plädierte für Änderungen in den Schulen, die die Vielfalt als Chance begreifen müssten. Es gebe nicht mehr das „deutsche Normkind der fünfziger Jahre“.
Seine Positionen hat er im Vorfeld als Thesenpapier in die Debatte eingebracht: Thesen von Mark Terkessidis
Zum Anhören – Ausschnitt aus dem Redebeitrag von Mark Terkessidis:
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Sie sind Mütter, das ist ihre Lebenserfahrung. Sie sprechen die Sprache und haben den kulturellen Hintergrund, um Familien zu erreichen – besser als andere. Muna Naddaf berichtet über das Projekt der Stadtteilmütter, das sie mit anderen zusammen koordiniert:
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In seiner Begrüßung auf der ersten Berliner Ideenkonfernz macht der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller deutlich, dass Politik das Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern brauche, um immer wieder neue Impulse zu bekommen. An den Anfang der Konferenzreihe sei ganz bewusst die grundsätzliche Frage gestellt worden: Wie wollen wir in Berlin zusammenleben? Es gehe darum, gemeinsam Ideen für das Zusammenleben im nun beginnenden dritten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung zu entwickeln. Zentral ist für ihn eins: den Begriff Integration „als umfassende soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe“ zu verstehen. „ Sie gilt für alle Menschen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund”, betonte Michael Müller.
Hören Sie die ganze Rede:
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Berlin ist eine Einwanderungsstadt. Berlin schöpft Kraft aus Zuwanderung und Vielfalt. Berlin will und kann auf die Kompetenzen von Migrantinnen und Migranten nicht verzichten. Migration ist eine wichtige Ressource für Berlin. Sie macht Berlin bunt und anziehend.
Vielfalt ist eine Chance. Das ist die Voraussetzung für moderne Integrationspolitik. Ob Berlin zukunftsfähig bleibt, hängt am Gelingen von Integration und am Aufbau einer solidarischen Stadtgesellschaft. Die solidarische Stadt braucht die Solidarität Vieler. Es geht dabei nicht allein um ethnische Fragen, Minderheitenschutz oder Apelle für Toleranz. Das ist wichtig, es braucht aber noch mehr. Die SPD versteht Integration als umfassende soziale, politische und wirtschaftliche Teilhabe. Sie gilt für alle Menschen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Integration ist immer auch ein Aufstiegsprogramm. Das setzt die Anerkennung von allen Menschen und ihrer Fähigkeiten voraus. Heute und künftig geht es um soziale Integration und sozialen Aufstieg von allen in einer Einwanderungsstadt. Die SPD wird in dem beginnenden Jahrzehnt die Integration in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen.

Foto: www.polwiss.fu-berlin.de
Was heute Diversity-Management genannt wird, ist bei FSV Hansa07 seit über 40 Jahren gelebte Realität, so Christian Haberecht auf der Ideenkonferenz. Integration beginnt mit der Vereinssatzung und wird als Ziel von allen im Verein vertreten.
Hören Sie Christian Haberecht in der Debatte im Plenum:
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Moderiert wurde das Panel von Ingo Siebert, Geschäftsführer des August-Bebel-Instituts Berlin. Seine Gesprächspartner waren Muna Naddaf, eine der Koordinatorinnen des Projekts Stadtteilmütter Neukölln und Kazim Erdogan, Gründungsstifter der Bürgerstiftung Neukölln
Könnte man die Idee der Stadtteilmütter ausweiten bzw. den Übergang in sozialen Berufen ermöglichen?
Rege wurde die Frage diskutiert, ob das Zertifikat als „Stadtteilmutter“ anerkannt sei und auf diesem Weg eine Zusammenarbeit im Rahmen eines Studiengangs möglich sei. Diese Zertifikate erhalten die Stadtteilmütter nach den drei Jahren aktiver Arbeit vor Ort. An dieser Stelle ist eher problematisch, dass die meisten Stadtteilmütter überhaupt keinen Abschluss haben. Frauen mit Abschluss werden ermutigt, sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Außerdem werden Stadtteilmütter gefördert durch Coaching oder zu Weiterbildungsseminaren vermittelt. Die „Stadtteilmutter“ könnte durch aus als Beruf begriffen werden, nicht jedoch als Erzieherinnen betrachtet werden.
Warum gibt es keine deutschen Stadtteilmütter für deutsche Mütter mit sozialen Problemen?
Für die Stadtteilmütter, wie sei momentan als Projekt existieren – so Muna Naddaf – ist der Zugang zu deutschen Familien schwierig und aufgrund der starken Arbeitsbelastung schon jetzt eine Ausweitung nicht realisierbar sei. Stadtteilmutter sein ist ein Knochenjob und wir bewusst entlohnt (30 Std/Woche), es ist kein Ehrenamt. Stadtteilmütter deutscher Herkunft wären sinnvoll.
Die Moderation hat Christan Hanke, Bezirksbürgermeister von Berlin Mitte übernommen. Seine Gesprächspartnerin war Brigitta Wortmann, Mitglied im Sprecherrat des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement und Political Advisor der Deutschen BP AG.
Wer macht Integration – Bürger oder Staat?
Das zweite Panel stand ganz im Zeichen des bürgerschaftlichen Engagements und wurde geprägt von den Fragen zu dessen technischer Umsetzung. Wie können Solidarität und Gerechtigkeit umgesetzt werden und wie wird die Idee von Berlin als Stadt, in der wir leben wollen lebendig? „Die Angst vor dem Fremden ist immer noch da“, sagte eine Genossin. Aber Vielfalt dürfe nicht als Defizit, sondern müsse endlich als Ptenzial begriffen werden.
Das Panel „Integration und Kultur“ leitete Ülker Radziwill, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und Vorsitzende des Arbeitskreises Integration. Ihr Gesprächspartner war Dr. Mark Terkessidis, Psychologe, Journalist und Migrationsforscher.
Die wichtigste Erkenntnis der Diskussion in diesem Panel war, dass die Begriffe „Integration“ und „Kultur“ neu überdacht werden müssen. Es reicht nicht mehr aus, Integration auf dem Feld der Migration zu denken. Die Integrationsproblematik fasst nicht nur Bürger mit Migrationshintergrund, sondern ebenso die sozial Schwachen am Rande unserer Gesellschaft, die aufgrund ihrer Benachteiligung von der Teilhabe ausgeschlossen sind.
Politik und Bürger sind dazu aufgerufen, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich möglichst große Teile der Gesellschaft wiederfinden und somit ein „Wir“ in der Bevölkerung etabliert werden kann. Eine gemeinsame Identität kann nur geschaffen werden, wenn ein Großteil der Menschen an der Gesellschaft teilhat und sich unter dem Begriff „Deutschsein“ wiederfindet.